Bericht aus der Gemeinde

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24.05.2019

Manchmal habe ich den Eindruck, wir könnten die Probleme unserer Gemeinde auf einem Bierdeckel lösen. Das hat bisher niemand ungestraft gesagt. Alles scheint ganz einfach zu sein. Dann aber fällt mir ein, dass wir schon einen langen Weg hinter uns haben und dass das auch Gründe hat, zum Beispiel darin, dass wir in einem komplexen Bedingungsgefüge stehen, das uns Spielräume eröffnet, aber auch einschränkt. Zuerst sind da die Sorgen der Menschen, die befürchten, dass es, wenn es um die in der Gemeindeversammlung angekündigten notwendigen Einsparungen geht, den Ort trifft, an dem sie getauft wurden, wo sie aufgewachsen sind, konfirmiert oder getraut wurden und dann wieder die eigenen Kinder taufen ließen. Es wird so sein, dass Verluste zu verarbeiten sind. Damit setzt sich das Presbyterium auseinander.

In den nächsten Jahren eingeführt wird das NKF (Neues Kirchliches Finanzmanagement). Worum geht es dabei? Unter der Überschrift „Nachhaltigkeit kirchlichen Handelns sicherstellen“ können wir Folgendes nachlesen (https://nkf.ekvw.de/download/):

Das bisherige kameralistische Rechnungssystem hat den Geldfluss in Form der Einnahmen und Ausgaben im Blick. Folgekosten von Entscheidungen werden nur in einem geringen Maß oder gar nicht abgebildet. Wird z.B. eine Instandhaltungsmaßnahme eines Gebäudes nicht durchgeführt, so wird dies bisher nicht im Haushaltsplan abgebildet, es müssen keine Einnahmen in den Haushaltsplan eingeplant werden, da keine Kassenwirksamkeit besteht.
Die Verantwortlichen in den Kirchengemeinden, Kirchenkreisen und Verwaltungen können und sollen dazu beitragen, dass heutige Verpflichtungen nicht zu Lasten nachfolgender Generationen in die Zukunft verschoben werden und sie in ihrer Handlungsfähigkeit noch mehr eingeschränkt werden. Um dieses Ziel umzusetzen, wird im NKF eine verpflichtende Abschreibung und Substanzerhaltungsrücklage dargestellt. Können diese im Haushaltsjahr nicht erwirtschaftet werden, ist dies in den Jahresabschlüssen so lange ersichtlich, bis der Verpflichtung nachgekommen wurde. Damit kann die Entwicklung des Immobilienvermögens kontinuierlich im Jahresabschluss verfolgt werden.

Diese Verpflichtung zur Rücklagenbildung bzw. zur kontinuierlichen Instandhaltung wird uns finanziell extrem belasten und in die Knie zwingen, wenn wir unseren Gebäudebestand nicht verändern. Dies zu tun, ist, recht besehen, sehr vernünftig. Es bedeutet nämlich am Ende, dass wir anders als heute und anders als in den vergangenen Jahrzehnten nur noch die Gebäude haben werden, die wir uns auch leisten können. Denn Gebäude haben immense Folgekosten. Die Empfehlung aus dem landeskirchlichen Baureferat lautet darum für unsere Gemeinde: Konzentration auf einen Standort.

Zwei unserer Gebäude, die beiden großen Kirchen, stehen bekanntlich unter Denkmalschutz. Das Presbyterium ist sich dessen bewusst, dass die endgültige Aufgabe eines solchen Bauwerks sich über Jahre hinziehen dürfte, wenn es denn überhaupt gelingt. Wir wissen: Das sind Jahre, in denen das Gebäude auch ungenutzt weiter Kosten verursacht, denn die Kirchengemeinde ist nach wie vor dafür verantwortlich – im Sinne der Verkehrssicherheit, aber auch des Denkmalsschutzes. Darum kann der konsequente Einsatz für den Erhalt eines Gebäudes am Ende geld- und kräftesparender sein, als das vergebliche Kampf um seinen Abriss. Vergessen wir nicht: Im Vergleich zu Abriss oder Teilabriss ist der Denkmalschutz gewiss offener und kompromissbereiter, wenn an einem der Orte das Gebäude durch eine intelligente Umnutzung erhalten bleiben kann. Eine solche denkmalgerechte Umnutzung kann in Regie der Kirchengemeinde, aber auch durch einen anderen Träger geschehen, an den man dann das Gebäude abgibt. Dadurch können günstigenfalls finanzielle Freiräume für die Instandsetzung und den Erhalt des verbleibenden Gebäudes entstehen, das dann in der Tat den konzentrierten Standort der Gemeinde bilden würde. Aber auch hier wird man darauf sehen müssen, wie sich das Gebäude langfristig nicht nur in den laufenden Kosten, sondern auch im Erhalt finanzieren lässt und das heißt selbstfinanziert. Es ist bekannt: Ein Gebäude, das Leben beherbergt, ist vor dem Verfall besser geschützt als ein Gebäude, das leer steht. Das wissen auch Denkmalschützer. Seitens der Landesregierung, so war jedenfalls vom zuständigen Staatssekretär zu hören, sind die Zeichen auf Kompromissbereitschaft gestellt. Wir werden sehen…

Zwar sind wir von einem kreiskirchlichen Baukonzept weit entfernt und vermutlich wird es das auch nie geben, weil die Entscheidungshoheit grundsätzlich bei der Gemeinde liegt und offenbar auch liegen soll. Unsere Gemeinde ist aber trotzdem eingebunden in den Kirchenkreis und insbesondere in den Gestaltungsraum unserer Region (Stiepel, Querenburg, Wiemelhausen): Was geschieht im Kirchenkreis? Was geschieht in der Region? Gewiss ist bisher, dass das Lutherhaus in Stiepel (in Nachbarschaft des Baumhofzentrums) innerhalb der nächsten zehn Jahre nicht mehr in der bisherigen Weise genutzt werden wird. Das bedeutet, dass es im Bereich der Kirchengemeinde Stiepel in absehbarer Zeit „nur“ noch die Dorfkirche geben wird. An Stelle des Lutherhauses wird ein Seniorenheim entstehen. Das Kluge an dieser Lösung ist zum einen, dass es eine lange Übergangsfrist gibt, in der die Gemeinde das Gebäude noch nutzen kann und zum anderen, dass der kirchliche Ort der Gemeinde vermutlich nicht gänzlich verloren gehen wird, weil im Interesse des Trägers liegt, dass Seniorenheime u.ä., zumal in kirchlicher Trägerschaft, in Kooperation mit der Ortsgemeinde Orte des Gottesdienstes und der Begegnung mit den Menschen vor Ort bleiben. Das Presbyterium stellt sich die Frage: Hat das Konsequenzen für eine Umnutzung des Baumhofzentrums? Kann man daraus etwas lernen?

Deutlich geworden ist, dass wir uns offenbar nach mehreren Jahrzehnten gemeindlicher Nutzung vom Baumhofzentrum werden trennen müssen. Was das bedeutet, ist noch nicht in aller Schärfe absehbar. Wer auch immer der künftige Nutzer ist, ist vielleicht auch hier eine ähnlich kluge Lösung möglich wie beim Lutherhaus in Stiepel? Das muss sich zeigen. Eine partnerschaftliche Nutzung wäre wünschenswert. Möglicherweise gilt es in diesem Zusammenhang ohnehin, dass wir unsere Seniorenheime, an denen unsere Gemeinde sehr reich ist, als Orte kirchlichen Lebens zu gegenseitigem Nutzen entdecken.

Denn die Kirchensteuermittel reichen – ganz abgesehen von dem durch demografischen Wandel und Kirchenaustritte bedingten Einbrechen der Kirchensteuereinnahmen, das für die nächsten Jahre erwartet wird – kaum, um das Personal zu finanzieren. Darum sind, wollen wir Handlungsräume gewinnen, auch hier Veränderungen notwendig. Gewiss ist, dass Pfarrerin Dr. Strathmann-von Soosten im Herbst 2020 und Pfarrer Loer im Herbst 2021 in den Ruhestand gehen, so dass das Presbyterium vor der Aufgabe steht, auch in diesem Bereich die Weichen für die nächsten Jahre zu stellen.

Die Evangelische Kirchengemeinde Bochum- Wiemelhausen hat derzeit etwa 6.000 Gemeindeglieder. Das Presbyterium lotet unterschiedliche Möglichkeiten aus. Gedacht wird auch an ein multiprofessionelles Team, in dem dann anstelle eines Pfarrers oder einer Pfarrerin eine Diakonin oder ein Diakon arbeitet. Die Entscheidungen müssen in den kommenden Wochen gefällt werden.

Wie man sieht, passt all das nicht auf einen Bierdeckel. Und es gäbe noch vieles zu berichten über Probleme und auch über Gelungenes. Das afrikanische Team in Malawi steckt gegenwärtig in einem Umstrukturierungsprozess. Es ist ein notwendiger Prozess, um das Programm auf sichere Füße zu stellen und sicherzustellen, dass die Spenden auch dort ankommen, wo sie hin sollen. Wir brauchen Geduld miteinander, aber ich habe die Hoffnung, dass es uns gelingt.

Ich freue mich auf das Bottari-Projekt auf dem Kirchentag, in dem unsere Gemeinde mit der Koreanischen Gemeinde und mit der Evangelischen Stadtakademie kooperiert. Wir haben darüber im vergangenen Gemeindebrief ausführlich berichtet. (https://www.stadtakademie.de/programm/details.html?sid=5429) Auch hier liegt inzwischen ein komplexer Prozess der Diskussion und wertvoller Klärung mit dem koreanischen Künstlerteam hinter uns. Es ist in der Tat unendlich schwer, angemessen über dieses Thema der Zwangsprostitution durch die Japanische Armee im Zweiten Weltkrieg so nachzudenken, dass am Ende ein gemeinsamer Raum des Gedenkens entstehen kann.

Erfreulich war das Konzert, das 77 Kinder aus der Drusenbergeschule vor Ostern in unserer Kirche gegeben haben. (Im Programm der Bochumer Tage für Neue Musik ist der Kinderchor der Drusenbergschule vertreten.) Dies ruft nach Fortführung und Vertiefung. Es zeigt sich, dass auch kommunal wichtig ist, dass es in einem Stadtteil auch weiterhin große Räume wie Kirchen gibt, an denen so etwas möglich ist…

Martin Röttger