Ich verabschiede mich

Aus dem Presbyterium

09.03.2022

Liebe Gemeinde,

presbyteriale Arbeit ist kein Spaziergang. Als Ehrenamt neben Beruf und Familie ist es vor allem eines – zeitintensiv. Ich wollte zu Beginn meiner Amtszeit meinen Fokus auf die Diakoniearbeit, konkret, die Arbeit mit Geflüchteten, legen.
Schnell wurde daraus aber mehr – wesentlich mehr. Begleitung und Moderation des Zusammenwachsens der Altbezirke, Gemeindekonzeption, Ausschuss für Personal und Finanzen, Öffentlichkeitsarbeit und, und, und…

Die Aufgaben in unserer Gemeinde sind gewaltig. Wir alle wissen, dass ein „weiter so“ wie in den letzten Jahrzehnten für unsere Kirchengemeinde nicht mehr funktionieren wird. Gemeindegliederzahlen sinken, Kirchensteuereinnahmen sinken – Geld für ordentliche Gemeindearbeit wird immer knapper. Die Gemeindekonzeption stellt uns vor gigantische Herausforderungen. Im Presbyterium der Evangelischen Kirchengemeinde Bochum-Wiemelhausen sitzen Frauen und Männer, die durch Beharrlichkeit, Kreativität, Mut, aber auch mit kritischen Auseinandersetzungen, Bewegung in viele ins Stocken geratene verbackene Prozesse, Strukturen und Projekte gebracht haben und weiterhin bringen werden. Leider merken Sie als Gemeindeglieder nicht immer sofort etwas davon. Denn auch mit Mut und guten Argumenten mahlen die Mühlen der Institution Kirche sehr langsam. Und es gibt Dinge, die die Kirche und ihre Verantwortlichen eher unter den Tisch fallen lassen, als den Mühlstein in Bewegung zu setzen. Das erleben wir Sitzung für Sitzung. Innovation und Bewegung ist meist nur dann willkommen, wenn es nicht zu viel oder am besten gar keine Veränderung in die festgefahrenen Strukturen der Organisation und der Positionen der Kirche bringt. Sowohl in Bielefeld als auch hier in Bochum – und auch konkret bei uns in der Gemeinde. Dennoch habe ich in diesem Presbyterium meine Kirche aus dem Glaubensbekenntnis gefunden.
Dieses Presbyterium ist mutig, kreativ, innovativ, reflektiert und verantwortungsvoll. Ich möchte jedem Mitglied des Presbyteriums, das sich für eine zukunftsorierntierte, gesellschaftsoffene und interkulturelle Gemeinde einsetzt, für die konstruktive Zusammenarbeit danken, in der ich viel lernen durfte. Über mich, über die Kirche und über den Dienst am Menschen.

Liebe Gemeinde, nach einigen Jahren des Dienstes in der Gemeinde möchte ich Ihnen frühzeitig mitteilen, dass ich das Presbyteramt ab dem 08.05.2022 aus persönlichen Gründen leider niederlegen muss. Ich werde mein privates Umfeld aus Bochum wegverlagern. Erhalten bleibe ich Ihnen als Gemeindeglied, Setzer des Gemeindebriefes und Verantwortlicher für die technische Umsetzung der Website. Ich bin mir bewusst, dass einige froh sein werden zu hören, dass ich mein Amt niederlege. Bis Mai ist noch ein wenig hin. Bis dahin werde ich noch aktiv sein! Entscheidungen zu treffen und diese zu vertreten, macht nicht immer Freunde. Es war aber auch nie mein erklärtes Ziel, mit meiner ehrenamtlichen Arbeit neue Freunde zu gewinnen. Mit dieser Arbeit wollte ich etwas bewegen. Und ich kann mit Fug und Recht behaupten, wir haben etwas in der Gemeinde bewegt. Trotz des notwendigen Prozesses des Zusammenwachsens gibt es immer noch Individualisten in unserer Kirchengemeinde, die ihre Arbeit ganz klar von anderen Gemeindeteilen oder der Gesamtgemeinde abgrenzen wollen. Obwohl ihr Auftrag ein anderer sein sollte. Vor allem diese verkrusteten, alteingesessenen Strukturen wurden in der Vergangenheit kritisch hinterfragt und sind auf dem Weg, sich zu verändern. Das ist gut und notwendig. Aber vor allem eben langsam.

In der Gemeinde stieß ich zu Beginn auf Gegenwind. Für die Einen wollte ich die kulturelle Identität der Gemeinde zerstören – für die Anderen war ich anfangs einfach nur aus Melanchthon. Durch Beharrlichkeit und meine monatlichen Presbyterdienste an beiden Gottesdienststandorten wurde aber klar, dass ich ein Presbyter für die Gesamtgemeinde bin. Ich danke Ihnen, dass Sie mir diesen Platz eingeräumt haben.

Es war und ist auch nie mein Ansinnen gewesen, die hervorragende Kulturarbeit aus unserer Kirchengemeinde wegzureden. Sie ist aber nicht nur auf einen Gemeindestandort zu reduzieren und ist neben Seelsorge, Diakonie, Frauen- und Männerarbeit, Intergrationsarbeit, interkultureller Arbeit und Arbeit mit Kindern und Jugendlichen auch nur ein Bestandteil unserer Gemeindearbeit im Ganzen.

Ich wünsche der Kirchengemeinde insgesamt den Mut, ihre Identität zu finden, die Kraft, den Prozess des Zusammenwachsens konstruktiv und verantwortungsvoll zu vollenden und die Gemeindekonzeption endlich zu einem guten Ende zu bringen. Doch scheint dieser Weg noch lang. Die Gebäudefrage ist immer noch nicht geklärt und langsam drohen die Inhalte unserer Gemeindearbeit darunter erdrückt zu werden.
Letztlich wünsche ich mir eine starke, selbstbewusste, geeinte, weltoffene und verbindliche Evangelische Kirchengemeinde Bochum-Wiemelhausen, in der selbst ein A-Kantor gerne im Baumhofzentrum die Orgel spielt, solange das noch geht.

Ich habe meine Aufgaben und Dienste stets mit Freude und Respekt vor dem Amt ausgeführt. Gerne war ich Ihr Presbyter. Ich werde mich am Sonntag, den 08.05.2022 von Ihnen als Presbyter sowohl im Baumhofzentrum als auch in der Melanchthonkirche verabschieden. Vielleicht sehen wir uns?

Bleiben Sie aufgeschlossen!

Ihr Holger Saiko