Aus Presbyterium und Gemeinde

Aus dem Presbyterium

20.08.2019

Das Forschungszentrum Generationenverträge (FZG) der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg hat unter der Leitung von Professor Bernd Raffelhüschen erstmals eine koordinierte Mitglieder- und Kirchensteuervorausberechnung für die evangelische und katholische Kirche in Deutschland erstellt. 

In der Studie wird zwischen kaum beeinflussbaren „demografischen“ und beeinflussbaren „kirchenspezifischen“ Faktoren unterschieden:  Zu den demografische Faktoren heißt es: Der „Überhang an Sterbefällen über Geburten und Zuwanderung führt dazu, dass sich die Mitgliederzahlen bis 2060 um 24 Prozentpunkte verringern werden. Die Folgen des demografischen Wandels sind jedoch nicht allein für den Mitgliederrückgang verantwortlich.“ Darum müssen ergänzend kirchenspezifische Faktoren betrachtet werden: „Etwas mehr als die Hälfte des Mitgliederrückgangs basiert auf anderen Einflussfaktoren: dem Tauf-, Austritts- und Aufnahmeverhalten in die evangelische Kirche. Es werden nämlich nicht alle Kinder von evangelischen Müttern evangelisch getauft. Zusätzlich treten mehr Menschen aus der Kirche aus als in die Kirche ein. Setzt sich diese Entwicklung weiter fort, vergrößert sich der Mitgliederrückgang um weitere 28 Prozentpunkte. In der Summe bedeutet dies, dass die evangelische Kirche bis 2060 52 Prozent ihres Mitgliederstandes von 2017 verloren haben wird.“ Genau diese Tendenz lässt sich bereits aus den kürzlich veröffentlichten Zahlen für das Jahr 2018 ablesen: Austritte: 220.000 Menschen; Beerdigungen: 340.000 Menschen; Aufnahmen: 25.000 Menschen; Taufen: 170.000 Menschen. Dies entspricht bei einem Mitgliederbestand von insgesamt 21.140.599 Menschen  zum Stichtag 31.12.2018 – wie schon im Vorjahr – einem Rückgang von rund 1,8 Prozent.

Auf die Frage: Inwiefern kann diese auf Annahmen basierende Vorausberechnung hilfreich sein? antwortete Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen: „Ich hoffe, dass unsere Projektion der evangelischen Kirche hilft, differenziert auf die Gründe des Mitgliederrückgangs zu blicken. Wenn mehr als die Hälfte des Rückgangs auf die zurückgehende Bindungskraft der Institution verweist, ist für den Mitgliederverlust nicht allein der zweifellos unumkehrbare demografische Wandel verantwortlich. In diesem Sinn ermutige ich dazu, unsere Ergebnisse nicht als Untergangsprophetie zu lesen, sondern nach Zusammenhängen zu suchen, auf die Einfluss genommen werden kann. Hier liegt eine echte Generationenaufgabe. Und das meine ich durchaus auch positiv. Denn unsere Analyse macht deutlich, dass die Kirche gerade in den kommenden zwei Jahrzehnten weiterhin über Ressourcen zur Umgestaltung verfügt.“

Fragen wir, welche Schlussfolgerungen für unsere Gemeinde aus diesem Gesamttrend für heute zu ziehen sind, wird deutlich, dass zwar kein Grund zur Panik besteht, anderseits aber die Zeit genutzt werden muss, um unsere Gemeinde so zu gestalten, dass sie der Zukunft gewachsen ist. Es besteht Handlungsbedarf – und zwar jetzt. Dies betrifft sowohl die Entwicklung der Gebäude als auch die Personalsituation. Wir müssen jetzt die Weichen stellen. 

Im Prozess der Entwicklung einer Gebäudekonzeption sind wir in den vergangenen Wochen einige Schritte weitergekommen. Seit Anfang Juli liegt ein „Exposee zur Projektkommunikation“ vor, das vom Presbyterium als Gesprächsgrundlage der nun anstehenden Gespräche mit Vertretern aus  Stadt, Land und Kirche festgelegt worden ist und dessen wesentliche Inhalte der Gemeinde beim Gemeindeinformationsabend am 17.09.2019 vorgestellt werden sollen. Dazu sind insbesondere die Gruppenleiterinnen und Gruppenleiter, aber auch interessierte Gemeindeglieder eingeladen.  

Eine die Mitgliederstudie weiterführende Statistik der Evangelischen Kirche von Westfalen kommt zu einem weiteren überraschenden Ergebnis. „Die höchste Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens evangelisch zu sein, besteht zwischen dem 14. und 25. Lebensjahr.“ Das schärft noch einmal die Frage: Welche Schlussfolgerungen sind für die Gebäude- und Personalentwicklung der Gemeinde zu ziehen? Es liegt nahe, dass wir alle zukunftsweisenden Entscheidungen vor dem Hintergrund fällen, welche Konsequenzen sie für die Zielgruppe der 14- bis 25-Jährigen haben. Es bedeutet eine Akzentsetzung in der Jugendarbeit, in der Arbeit mit jungen Erwachsenen und jungen Familien. 

Durch die zwei evangelischen Kindergärten, durch gute partnerschaftliche Kontakte zu den meisten der 9 Schulen im Stadtteil, durch die Einrichtung der Offenen Tür in gemeindlicher Trägerschaft, das eJuWie, durch eine intensive Konfirmandenarbeit, durch eine Fülle von Aktivitäten wie das Kuku-Projekt ist die Kirchengemeinde Bochum Wiemelhausen in diesem Bereich schon jetzt gut aufgestellt. Trotzdem ist es notwendig, das Engagement an diesem Punkt zu erhöhen und bewusster in ein mit dem Kirchenkreis abgestimmtes Jugendkonzept zu binden.

Wird es uns gelingen, durch eine kreative Gebäudekonzeption und Personalentwicklung ein Instrumentarium zu schaffen, das unsere Gemeinde für Jung und Alt zukunftsfähig macht? 

Martin Röttger