Bericht aus dem Presbyterium – Frühling 2020

Aus dem Presbyterium

26.02.2020

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Schutzmauern, die anderen bauen Windmühlen.“ – Chinesische Weisheit

Grundsätzlich erfahren wir den Fluss der Zeit darin, dass wir in Veränderungsprozessen leben. Das können wir an der eigenen Lebensgeschichte nachvollziehen, ebenso wie in den das Leben umgebenden sozialen Zusammenhängen. Die gegenwärtige Zeit erleben viele Menschen jedoch als Umbruchszeit. Sie erkennen, dass Konzepte, die Jahre, Jahrzehnte oder vielleicht noch länger trugen, infrage gestellt sind und nicht mehr tragen. Das gilt sowohl für allgemein gesellschaftliche, als auch darin eingebettet für kirchliche  Zusammenhänge. Dass es in einer solchen Situation viele Menschen gibt, die verunsichert sind, ist normal. Darum kommt es in der gegenwärtigen Lage unserer Kirche darauf an, nicht den Kopf in den Sand zu stecken, sondern sich den gesellschaftspolitischen und demographischen Herausforderungen zu stellen und mutig neue Wege zu suchen.

Ich habe den Eindruck, dass wir in unserer Gemeinde darin ein gutes Stück vorangekommen sind. Wir haben uns den anstehenden Problemen offen gestellt. Probleme werden zunehmend nicht mehr bezirklich verortet, sondern als gemeinsame Aufgaben wahrgenommen. Das ist die entscheidende Voraussetzung, um Probleme zu lösen. 

Das Presbyterium hat sich auf den Weg gemacht, im Gespräch mit Kirchenkreis und der Landeskirche drei mögliche Szenarien der Gebäudeentwicklung auf ihre Genehmigungsfähigkeit hin zu prüfen. Diese Szenarien decken von der Zentralstellung der Petrikirche über die Zentralstellung der Melanchthonkirche bis hin zu einer Auflösung der Fusion und einer Neuzuordnung der Gemeindebezirke eine Bandbreite möglicher Lösungen ab. So werden die unterschiedlichen Ansätze und Positionen berücksichtigt, zu denen auch Rückmeldungen aus der Gemeinde eingebunden wurden.  Das Presbyterium ist sich dessen bewusst, dass das Ergebnis des Genehmigungsverfahrens offen ist, hofft aber, dass es uns mehr Klarheit und einen Ausgangspunkt für weiteres Handeln im Entscheidungs- und Gestaltungsprozess geben wird.  

Nach ausführlicher Diskussion, in der jede und jeder seine / ihre Position darlegen konnte, hat sich das Presbyterium dafür entschieden, alle drei Szenarien über den Kirchenkreis bei der Landeskirche einzureichen und mehrheitlich eine Priorisierung des Standortes Petrikirche vorgenommen. 

Eine Entscheidung für den Erhalt der Petrikirche als Baudenkmal und städtebauliches Monument und für den Ausbau dieses Standortes zu einem Gemeindezentrum „in der Mitte der Gemeinde“ ruft zum einen die Frage nach der Finanzierung der hohen Kosten hervor, die eine Renovierung und ein Ausbau kosten (geschätzt 4 Millionen Euro) und wirft zugleich automatisch die Frage nach der Gestaltung der Zukunft der Melanchthonkirche auf. Im Klartext: Wenn die Petrikirche zu einem Gemeindezentrum ausgebaut werden soll, müssen zuvor (!) realiter und nicht nur theoretisch Lösungen für das Baumhofzentrum und die Melanchthonkirche gefunden sein, die beide Standorte finanziell vollständig auf eigene Füße stellen und den denkmalrechtlichen, städtebaulichen und sakralen Ansprüchen gerecht werden, die insbesondere der Standort Melanchthonkirche stellt. Um Nutzungspartner oder geeignete Investoren anzusprechen und finden zu können, müssen möglicherweise an der
Melanchthonkirche seitens der Kirchengemeinde zuvor Investitionen in die Grunderhaltung des Gebäudes getätigt werden. Auch muss der extrem anspruchsvollen Verkehrssicherungspflicht dieses Standortes genüge getan werden.  Aus dieser Argumentation ergibt sich: diese Variante steht  innerhalb des Genehmigungsverfahrens unter einem großen finanziellen Vorbehalt. In einer offenen Richtungsentscheidung hat sich das Presbyterium in seiner Sitzung Ende Januar nach langer Beratung trotzdem mehrheitlich für eine Priorisierung dieser Lösung entschieden, um den Prozess der Entscheidungsfindung auf der Ebene von Kirchenkreis und Landeskirche in Gang zu setzten. 

Möglich ist, dass genau die andere Variante das Genehmigungsverfahren besteht, die Konzentration auf die Melanchthonkirche und der Ausbau des sie umgebenden Gebäudeensembles zum Gemeindezentrum der Gemeinde. So würde die vorhandene bauliche Substanz zu einem „Zentrum am Rande“ mit der Möglichkeit einer Öffnung der Gemeindearbeit in Richtung Innenstadt ausgebaut. Durch den gefassten Richtungsbeschluss für Erhalt und Ausbau der Petrikirche wird aber deutlich akzentuiert, dass auch eine Konzentration auf die Melanchthonkirche nicht das stillschweigende Einverständnis in den Verfall der Petrikirche bedeuten kann, sondern dann auch hier umso intensiver die Frage nach Möglichkeiten des Erhalts dieser Kirche gestellt werden muss. Die Problematik der Petrikirche  muss gelöst werden. Einen Investor zu finden gilt an diesem Standtort als noch unwahrscheinlicher. Ein Erhalt des Baudenkmals Petrikirche scheint durch Eigennutzung am ehesten erreichbar zu sein. 

Für das Baumhofzentrum ist geplant, dass das dortige Grundstück  intensiver genutzt wird: Ein Gemeinderaum zur Begegnung (ggf. auch für Gottesdienste und kulturelle Veranstaltungen) soll erhalten bleiben, auch der Kindergarten soll bleiben und möglichst auf U-3 Betreuung erweitert werden. Es sollen Wohnungen mit sozialer Zweckbindung entstehen. Durch die Suche nach einem Investor, der dies umsetzen will und kann, soll das Baumhofzentrum durch Verkauf oder Verpachtung finanziell unabhängig werden und nach Möglichkeit Geld für den Erhalt der anderen Gebäude frei werden. Ein solches Vorgehen bedeutet für das Kirchviertel auch, dass sich unsere Kirche räumlich noch besser in den Stadtteil hinein vernetzt und so – auch in ökumenischer Perspektive – weitere kirchliche Orte für unsere Arbeit erschlossen werden.  

Zusammenfassend heißt das, dass die Gemeinde im Hinblick auf die beiden alten Kirchen in jedem Falle in eine Zwickmühle gerät. Denn wenn man sich auf einen Standort konzentriert, fällt einem die Aufgabe des anderen Standorts umso heftiger auf die Füße. Wegschauen, sich auf vermeintlich Eigenes zurückzuziehen und gar das je Andere abzuwerten, kann keine Lösung sein. Eine Lösung lässt sich innerhalb der Kirchengemeinde nur finden, wenn wir die anstehenden Probleme in ihrer Wechselbeziehung wahrnehmen und gemeinsam zu lösen versuchen. 

Angesichts der erdrückenden Größe der anstehenden Herausforderungen kann man allerdings zu dem Schluss kommen, dass die Gemeinde in ihrem gegenwärtigen Zuschnitt hoffnungslos überfordert ist. Würde eine Auflösung der Fusion die Probleme lösbarer machen? Nach meiner gegenwärtigen Einschätzung ist das fraglich. Für sich allein genommen sind beide Gemeindebezirke nicht lebensfähig. Es müssten also neue Konstellationen in Richtung Innenstadt und Bochum-Süd gesucht werden. Ich fürchte, dass die Probleme bleiben, egal, wie wir uns wenden. Vielleicht ist dieses Dilemma ein Signum einer Zeit des Umbruchs, in der wir an dem, was wir haben und das uns unter den Händen zerbröselt, schwer zu tragen haben.  

In Abwandlung des mich beeindruckenden Satzes: „Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern dem Tag mehr Leben.“ (Cicely Saunders) möchte ich sagen, es kommt darauf an, dass wir uns in unserer Gemeinde, so wie sie nun einmal ist, nicht lähmen lassen, sondern uns bemühen, mitten in aller Ungewissheit in Gottesdienst und Jugendarbeit, in kulturellem und diakonischem Engagement Gemeindeleben glücken lassen und weiter tapfer an Lösungen arbeiten.    

Presbyteriumswahl: Vieles stand in den letzten Wochen  unter dem Zeichen der Kirchenwahl. Am 1. März wird gewählt – in zwei Wahllokalen: an der Melanchthonkirche von 11–14 Uhr und im Baumhofzentrum von 11–16 Uhr. Gemeindeglieder ab Vollendung des 14. Lebensjahres sind wahlberechtigt. 

Bitte beteiligen Sie sich zahlreich! Die Einführung des neuen Presbyteriums findet in einem gesamtgemeindlichen Gottesdienst am 22. März um 10.00 Uhr in der Melanchthonkirche statt.

Martin Röttger