Das Leben in Zeiten von Corona

Aus der Gemeinde

17.04.2020

Ein frommer Muslim betet inbrünstig in einer Moschee. Als er die Moschee verlässt, ist sein Kamel verschwunden.
Entrüstet läuft er wieder in die Moschee und sagt zum Imam: Ich habe so feste gebetet. Ich habe so feste an Gottes Allmacht geglaubt. Und jetzt ist mein Kamel verschwunden. Ist das der Dank? Ist die göttliche Gerechtigkeit?
Und der Imam antwortet: Mein Freund, man muss beten und seine Kamele anbinden. Erfahrene Beter sagen ja: Das beste Gebet ist, wenn man sich einfach vor Gott hinstellt und „Ach” sagt. Und dann einfach da ist.
Und dann verantwortungsvoll handelt.Dagegen glauben Fundamentalisten, man könne Corona wegbeten. Oder gar, man müsste es als Strafe Gottes sehen. Dieses mittelalterliche Muster konnte man schon bei den Pestwellen im mittelalterlichen Europa beobachten. Meistens wurde dann noch ein Sündenbock gesucht und gefunden. „Die Juden”, „die Hexen”. Die Muster sehe ich gerade auf der politischen Ebene: „Die Chinesen”, sagt Trump. „Die Italiener”. In unserem Gesangbuch steht ein nüchternes und darum, wie ich finde, vertrauenswürdiges Glaubensbekenntnis von Dietrich Bonhoeffer.
Während einer anderen „Pandemie”, nämlich der der Unmenschlichkeit, der Intoleranz und Rechtlosigkeit, schreibt er:

“Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.
Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.
Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen.
Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.
In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.
Ich finde, sich Sorgen zu machen, ist nicht unfromm.
Und verantwortungsvoll und hilfreich zu handeln, schon gar nicht.” Es ist gut zu wissen, dass es unsere Kirchen gibt, die für das Andere stehen, das größer ist als unsere Sorgen.
Auch wenn sie wohl bis mindestens zum 4. Mai wohl für Gottesdienste geschlossen bleiben müssen.Mit einem – gesunden – Glauben verschwinden die Anlässe zur Sorge nicht, und darf das vorsorgliche Handeln nicht aufhören – aber wie Bonhoeffer schreibt: in diesem gesunden Glauben ist Angst überwindbar. Mehrere Hilfsangebote haben wir  bekommen, die das Leben in Corona-Zeiten erhellen. Jemand möchte € 500 spenden für Kleinbetriebe, die in Not sind.
Gemeindeglieder melden sich im Büro und bieten Einkausfhilfe an. Dankbar haben am Ostersonntag Menschen die Möglichkeit angenommen, in der Melanchthonkirche ein Osterlicht zu entzünden und sich Zeit für ein stilles Gebet zu nehmen.
Ich persönlich glaube, dass die Zeit nach Corona nicht anders wird als die Zeit vorher.
Auch jetzt gibt es Menschen, die sich für andere einsetzen. Und es gibt die Menschen, die den Lieferanten das Klopapier aus den Händen reißen, auch wenn sie zuhause schon fünf Pakete gehortet haben.
Es gibt Großzügigkeit bei Arbeitgebern, und es gibt Betrüger, die Hilfsangebote der Regierung ausnutzen oder Masken 20fach überteuert verkaufen. Aber immer neu – auch nach Corona – wird sich gelingendes Leben durchsetzen. Gegen alles Schwere, das auch immer da sein wird.
Wir haben das Ostern gefeiert: Das richtige, gute Leben lässt sich nicht töten. Immer neu gibt es auch Auferstehung. In diesem Sinne grüße ich Sie herzlich
Ihr Pastor Loer