Klar und doch so schwierig?

Aus der Gemeinde

20.12.2018

Seebrücken-Demonstration in Bochum am 06.10.2018

Ich wollte einen flammenden Bericht schreiben. Einen Bericht über den Werteverfall der Gesellschaft und die Verrohtheit unsere Sprache und unseres Handeln. Ich wollte mich mit der Frage befassen, was deutsche Staatsbürger dazu bringt zu skandieren, Menschen im Mittelmeer lieber ertrinken zu lassen als zu retten. Ich wollte Gründe dafür liefern, warum es wichtig ist, dass man Helfer, die sich in NGOs oder in Hilfsorganisationen dafür einsetzen, Menschen die auf ihrer Flucht aus ihrem Heimatland im Mittelmeer in Seenot geraten sind, vor dem Ertrinken zu retten, nicht kriminalisieren darf. Ich wollte die Moral, den bürgerlichen Anstand und die Werte, ob sie nun christlich sein mögen oder einfach nur menschlich, anführen, um argumentieren zu können. Persönlich fühlte ich mich oft mit meinen Gedanken allein gelassen. Aber dann kam die Demonstration Seenotbrücke am 06.10.2018 und ich sah, dass ich mit dieser Meinung wahrlich nicht allein dastehe. Mindesten 5.499 andere Menschen aus Bochum teilen meine Meinung und in Teilen auch meine Gedanken. Viele auch aus unserer Gemeinde. Seenotrettung ist kein Verbrechen. Das ist keine linke Position. Das ist nur logisch. Reiner Menschenverstand. Und wer das anders sieht, werde ich garantiert nicht mit einem Artikel umstimmen. Da ist wahrscheinlich nur eine Art Selbsterfahrung heilend.

Ich schäme mich für meine Landsleute, die öffentlich oder im geschützten und teilanonymisierten Raum der Social-Media-Portale dafür werben, Menschen ertrinken zu lassen. Zusätzlich werden die Helfer kriminalisiert und als Verbrecher und „Volksverräter“ tituliert. „Das Boot ist voll“ – so wird geredet. Das ist in der Tat mal ein Standpunkt. Die Engländerin, die durch Schiffbruch mehrere Stunden im Mittelmeer verbrachte zu retten, ist in Ordnung. Die Somalierin sollte man aber lieber im Wasser lassen. Die kann ertrinken. Wirklich? Wer sind wir, so etwas zu entscheiden? Das internationale Seerecht besagt, dass jede Schiffsbesatzung dazu verpflichtet ist, Ertrinkende aus dem Meer zu retten – unabhängig der Gründe für deren Seenot. Es ist ebenfalls unzulässig, Schiffe mit Geretteten von sicheren Häfen fernzuhalten oder ihnen die Einfahrt zu verwehren.

Das war aber eine der Positionen der Demonstration, die am 06.10.2018 vertreten wurden. Es war die Position, die mich dazu bewegte an der Demo teilzunehmen. Eine weitere Forderung der Demonstration-Organisation war, 1.000 weiteren Flüchtlingen in Bochum eine neue Heimat zu geben. Die Begründung war hier ein Verteilungsschlüssel, der für Deutschland angewandt wird. Nach diesem Schlüssel hat Bochum 1.000 Geflüchtete zu wenig aufgenommen. Das sei mit der Einrichtung des Erstaufnahme-Zentrums für geflüchtete Menschen legitimiert, das in Bochum nun seit einiger Zeit existiert.

Durch meine Erfahrung als Flüchtlingsbetreuer seit September 2015 kann ich feststellen, dass es strukturelle Probleme gab und immer noch gibt, die die zweite Forderung in meinen Augen erschweren. Es ist nicht das Geld. Das ist auch bei uns ausreichend vorhanden. Kein Mensch bei uns in der Stadt hat durch die bereits in der Stadt befindlichen Geflüchteten einen Cent weniger im Portemonnaie. Finanziell könnten wir auch 1.000 mehr Menschen stemmen. Jedoch stimmt die Infrastruktur nicht. Es gibt zu wenig adäquaten Wohnraum. Wir haben einen großen Betreuungsmangel. Kindergartenplätze fehlen. Es gibt Probleme bei der schulischen Versorgung und Förderung der Kinder. Letztlich werden auch aus Ermangelung an Auslastungen Sprachkursangebote zurückgefahren. Meines Erachtens ist das hochbedenklich. Die Sprachqualität der Sprachkursabsolventen ist teilweise nicht dem Niveau entsprechend, aus dem sie mit einer bestandenen Prüfung entlassen werden – leider eher schlechter. Damit können sich die auf Arbeit hoffenden Menschen nicht für Stellen qualifizieren. Das schafft Frustration – verständlicher Weise.

Es ist also nicht nur damit getan, hier einfach 1.000 Menschen mehr aufzunehmen. Es geht viel mehr darum, auch eine Struktur des Förderns und Forderns zu etablieren. Das Ziel sollte sein, dass die Geflüchteten so betreut werden, dass sie autark und ohne große Probleme einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz finden können. Das ist in der momentanen Situation leider nur teilweise oder gar nicht möglich. Zur großen Depression aller Beteiligten. Leider gibt es in Deutschland bis zum heutigen Tage immer noch keine einheitliche Verfahrensweise der Integration. Städte, Kommunen und Bundesländer haben da alle verschiedene Auslegungen und Auslebungen, um hier Nachhaltigkeit und Zuversicht in das Leben der Geflüchteten zu bringen. Zusätzlich gibt es auch noch eine gesellschaftliche Komponente. Viele Bürger unserer Stadt und/oder unseres Landes haben Sorge, dass die geflüchteten Menschen aufgrund mangelnder Konzepte nur verwahrt werden und sich nicht in unsere Gesellschaft integrieren können oder wollen. Die berechtigte Furcht vor noch größeren Parallelgesellschaften kommt auf. Diese Angst und Sorge lässt manche blind werden und sie radikalisieren sich. Unsere Gesellschaft rückt spürbar nach rechts.
Doch dürfen diese Sorgen keine Rechtfertigung dafür sein, Menschen lieber im Mittelmeer ertrinken zu lassen. Nein. Dafür gibt es keine Argumente – wäre das nicht unterlassene Hilfeleistung mit Ansage, grobe Fahrlässigkeit oder sogar Mord?

Oftmals kennen diese Menschen nicht einen Geflüchteten persönlich. Das würde Perspektiven verändern. Ich denke nicht, dass Radikalisierung und Menschenablehnung adäquate Reaktionen sind und aus meiner tiefsten Überzeugung sind sie auch keine Alternative für Deutschland. Die Lösung wäre die Begegnung und das Gespräch, sowohl mit Geflüchteten als auch mit den sich sorgenden Deutschen – auch bei uns in der Gemeinde. Das würde Sichtweisen erweitern – Hass und Furcht vor dem Unbekanntem könnte relativiert werden.
Dennoch: Eine Antwort zu finden, wie Europa sich in dieser Sache organisieren sollte, ist schwer. Klar wäre eine europäische Lösung mit einem Verteilungsschlüssel optimal. Dennoch ist unser Land so unglaublich reich. Rein finanziell können wir uns die Flüchtlinge leisten!

Wir sollten aber auch nicht denken, dass alle Geflüchteten unbedingt nach Deutschland wollen. Viele Geschichten der Flucht enden in Skandinavien oder in Großbritannien.

Alles in allem hat mich die Demonstration sehr bewegt. Es war ein erhebendes Gefühl, Teil einer Gemeinschaft von 5.500 Menschen zu sein, die klare Positionen hatten. Gemeinsamer Nenner war, Menschen nicht sterben zu lassen. Wenn wir anfangen darüber zu diskutieren, verlieren wir unsere Menschlichkeit – und das kann keiner wollen. Dann sind wir einem üblen Ende näher als gedacht.

Holger Saiko

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