Literaturgespräch zu Ernst Moritz Arndt

Aus der Gemeinde

20.08.2019

Prüft aber alles und das Gute behaltet   Thessalonicher 5,21

Das Gemeindehaus im Melanchthonbezirk ist zu einer Kindertagesstätte umgebaut. Es beherbergt 3 Mietwohnungen, Kellerräume, die von Gruppen genutzt werden können (zum Beispiel vom Sprachcafé für Geflüchtete) und einen Tagungsraum im Dachgeschoss. An der Außenwand zur Königsallee ist der jetzt gebräuchliche Name des Hauses angebracht: Kindertagesstätte Melanchthon und Evangelische Kirchengemeinde Wiemelhausen Melanchthon.

80 Jahre war für das große Gebäude ein anderer Name in Gebrauch: Ernst Moritz Arndt Haus, schließlich im alltäglichen Sprachgebrauch zu EMA-Haus verkürzt. 

Wir könnten es dabei belassen, ohne darüber zu reden. Der Name Ernst Moritz Arndt Haus ist verschwunden.  Warum darüber reden und nachdenken?

Seit September letzten Jahres beschäftigt sich eine Arbeitsgruppe mit Werk und Wirken Ernst Moritz Arndts.  Zunächst standen seine Gedichte und Lieder im Zentrum unserer Aufmerksamkeit, um zu überprüfen, ob Ernst Moritz Arndt der ‚große‘ Liederdichter sei, als der er gepriesen wurde, als welcher er vermutlich auch die Ehre bekommen hatte, dem Gemeindehaus an der Melanchthonkirche seinen Namen zu hinterlassen.

Nein, ein ‚großer Liederdichter‘ ist er nicht. Seine Lieder stacheln zu Franzosenhass und militanter Vaterlandsliebe an, so zum Beispiel eine Strophe aus seinem „Vaterlandslied“:

„Das ist des Deutschen Vaterland,
Wo Zorn vertilgt den welschen Tand,
Wo jeder Franzmann heißet Feind,
Wo jeder Deutsche heiße Freund –
Das soll es sein!
Das ganze Deutschland soll es sein!“

Über den Geschichtsgelehrten Ernst Moritz Arndt, der aufgrund eines Lehrverbots mit einer großen Unterbrechung an der Bonner Universität Geschichte lehrte, entdeckten wir das Urteil  Gustav Freytags  in dem Standardnachschlagewerk Deutscher Gelehrter: 

„Er wurde kein Gelehrter; obwohl er viel gelesen und für sich gearbeitet hatte,…seine prosaischen Schriften sind fast sämtlich Improvisationen, selbst breit angelegte Bücher, sogar die geschichtlichen. Der Plan ist selten fest gehalten, gern ergeht er sich in Abschweifungen, dicht neben dem Tiefsinnigen und Durchdachten steht wohl einmal der flüchtige Einfall.“ (in: Allgemeine Deutsche Biographie, Artikel: Ernst Moritz Arndt)

Die Frauenhilfe im Baumhofzentrum beschäftigte sich einen Nachmittag lang mit der Zeit der Befreiungskriege, in der Ernst Moritz Arndt als reisender Propagandist unterwegs war.  Ein Mitglied der Frauenhilfe erinnerte sich an eine kritische Bemerkung ihres Vaters, ausgehend vom Kirchenlied von Ernst Moritz Arndt (EG 357, Ich weiß, woran ich glaube) die sie als Kind nicht einordnen konnte. Ihr Vater meinte wohl nicht dieses Lied, sondern andere (s.o.).

Deshalb reden wir über Ernst Moritz Arndt und denken darüber nach, ob er als (wenn auch geräuschlos beiseite gelegter) Namenspatron und Vorbild gesehen bleiben kann. In der Reflexion blicken wir zurück auf eine Geschichte, die verstanden werden muss, damit sie sich nicht wiederholt.

Im September findet ein weiteres Literaturgespräch zu Ernst Moritz Arndt statt. Am Samstag, den 14. September von 14.30 Uhr bis 18.00 Uhr treffen wir uns im Melanchthonsaal, Königsallee 48. 

(Anmeldung bei Pfarrerin Dr. Strathmann-von Soosten Tel.: 73390 oder im Gemeindebüro: Tel. 312241)

Ausserdem ermöglichen wir eine sachgemäße Auseinandersetzung mit Ernst Moritz Arndt in einem Gemeindevortrag. 

Am Mittwoch, den 30. Oktober 2019 um 19.30 Uhr  hält Prof. Dr. Hellmut Zschoch, Wuppertal, in der Melanchthonkirche einen Gemeindevortrag zum Thema:

Religion, Protestantismus, Nation
Ernst Moritz Arndts deutsches Christentum

Warum wir über Ernst Moritz Arndt reden und nachdenken? 

Die neue Rechte stellt eine Herausforderung für Theologie und Kirche dar. Die Vorstellungswelt  Ernst Moritz Arndts über ein deutsches Christentum erlebt ein Revival. Seinen Namen einfach beiseite zu legen, reicht nicht aus. Wir stehen als Gemeinde, die seinen Namen vor 90 Jahren für sich in Anspruch nahm, in der Verantwortung, die Hintergründe zu bedenken.

Darum: Prüft aber alles und das Gute behaltet.

Ihre Ellen Strathmann-von Soosten