Predigt vom 18.08.2019 zu den Antependien der Margot Mannewitz

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19.08.2019

Predigt: Sommerkirche zu Römer-Brief 12,1 am 18.08.2019 in der Melanchthonkirche mit Auslegung des Mannewitz-Altar-Antependiums und des Altarfensters der Kirche

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt.

Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.

 „Ich ermahne euch“ – Es geht um Unterbrechung.
Um Innehalten. Wie kommt man in Berührung damit?

Beide Kirchen, die Petri- und die Melanchthonkirche sind unmittelbar nach dem Krieg, dem Zweiten Weltkrieg, wieder aufgebaut worden. Die Menschen sehnten sich nach solchen Räumen. Der Hauptraum der Melanchthonkirche war durch eine Bombe zerstört. Das haben die Menschen ernstgenommen, sie mochten darüber nicht hinweggehen und einfach wiederherstellen, was war. So wurde das Innere völlig verändert. Ein Mittelgang entstand, ein Weg, der zum Altar führte. Nicht mehr die Kanzel stand – wie vor dem Krieg – im Zentrum, sondern der Altar. Der Ort des Sakraments, in dem das Heil jenseits der Worte, ohne Worte, objektiv erfahrbar schien, an einem Ort, wo man irgendwie erhöht war. 12 Stufen führt der Weg von der Straße bis zum Altar der Kirche.

Versuche die Unterbrechung des Alltags architektonisch zu inszenieren.

„Ich ermahne euch.“ Erst, wenn Gott in unser Leben einbricht wird es möglich, dass wir uns unserer Situation als Menschen in dieser Welt bewusst werden. Wir können dem nicht entkommen. Wir können nicht aussteigen, wir können nicht aus der Haut, die uns umgibt, wir können nicht aus der Welt, in der wir leben. Und erst dann, wenn wir erkennen, dass wir Gefangene unseres Lebens, Gefangene unserer Geschichten sind, erst dann ist Befreiung möglich. Und zugleich, die Erkenntnis, dass es keine Welt hinter dieser Welt gibt, in die wir vor dieser Welt fliehen könnten. Auch die Sprache des Glaubens ist nur ein Gebäude menschlicher Worte, so wie die Kirchen von Menschen zusammengefügt, ein Gebäude aus Steinen sind.

Die Kanzel, der Ort des Wortes, ist beiseite gerückt in der neuen Melanchthonkirche. Gibt es ein Heil jenseits der Worte? Im Zentrum steht der Altar. Hier versammelt sich die Gemeinde zum Abendmahl. Gerechte und Ungerechte.

Brüder, sagt Paulus, Brüder und Schwestern, das bedeutet, er nimmt sich da nicht heraus. Da spricht einer zum anderen. Da ist kein oben und unten, kein Gefälle. Da steht man nebeneinander wie in der Gemeinschaft rund um den Altar.

Parakaleo – das griechische Wort bedeutet ursprünglich, „herbeirufen“, „beiseite rufen“. „Komm her, ich möchte dir etwas sagen!“ Paulus möchte eine Entdeckung mitteilen. Nichts Besonderes. Was er sagt, liegt auf der Straße, dazu muss man keine 12 Stufen emporsteigen: Brüder und Schwestern… Er ruft uns: Da fehlt der erhobene Zeigefinger, den wir im Laufe der Zeit dazu gedichtet haben, weil wir so versessen sind auf Autoritäten, auf oben und unten, auf die Herrschaft des Menschen über den Menschen. Hier aber steht jemand direkt neben uns. Da braucht es keine Engel.

Ein Ruf ergeht an uns. Wir werden herausgerufen, herausgefordert aus den Automatismen, aus den Gewohnheiten unseres Lebens: „Kommt her! Es ist alles bereit, schmecket und sehet, wie freundlich Gott ist.“

Zwischen 1953 und 1955 sind die Mannewitz-Antependien entstanden. Tücher für den Altar und die Kanzel. Margot Mannewitz hieß die Künstlerin, die sie geschaffen hat. Viele Jahre hingen sie zu bestimmten Anlässen in der Petrikirche. Heute ist das Altartuch zusammen mit zwei Kanzelantependien in der Melanchthonkirche und wir machen eine überraschende Entdeckung. Es sieht so aus, als sei das Altartuch hier nicht nur zu Gast, es sieht so aus, als sei es nach Hause gekommen.

Nicht nur, dass das Altartuch in seinem Maßen exakt auf den Altar der Melanchthonkirche passt, es ist extrem auffällig, in welcher Weise es auf die Kirche und das Altarfenster bezogen ist, das Willy Heyer 1950 geschaffen hat.

Schauen wir hin: Das XP, das Christusmonogramm, bildet die Mitte des Tuches. Darauf läuft der Mittelgang der Kirche zu. Das Christusmonogramm ist das Symbol Christi. Seine Gegenwart feiert die um den Altar versammelte Abendmahlsgemeinde. Das ist der Höhepunkt des Gottesdienstes. Darauf läuft es hinaus.

Aber das ist noch nicht alles: Da ist eine feine goldene Linie, die exakt mit der Mittellinie des Mittelganges der Kirche zusammenstimmt. Man kann sagen, das XP des Altartuches richtet die Kirche aus. Und der Symmetrie des Raumes folgend richtet es die Menschen aus – auf das Ziel, auf die Mitte des Raumes hin, auf den Altar. Das Antependium ist nicht nur ein außergewöhnliches Kunstwerk, es markiert einen Wendepunkt. Nach dem Irren des Nationalsozialismus stand nicht mehr das Wort der Predigt im Zentrum des Raumes, sondern das Sakrament.

Das XP findet sich – in Blicklinie nach hinten und oben – wieder im XP am Holzkreuz. Das Kreuz der Melanchthonkirche ist ein leeres Kreuz. Im Christusmongramm hat Christus aber sein Zeichen am Kreuz hinterlassen. Das heißt, er war schon dort. Dieses Kreuz ist ein Auferstehungssymbol. Christus hat das Leiden angenommen und durchlitten. Das Opfer ist vollzogen. Der Sieg über den Tod ist errungen. Darum ist das Kreuz leer.

Blicken wir wieder auf das Altartuch, dann entdecken wir neben dem Christusmonogramm ein Alpha und Omega. Das sind der erste und der letzte Buchstabe des griechischen Alphabets. Dadurch wird das Geschehen des Kreuzes zeitlich universalisiert. Christus umfasst Zeit und Ewigkeit. Er war schon immer schon da und wird immer da sein. Auch heute. A und O stehen für die immerwährende Gegenwart der Gottes. Aus dieser Gegenwart heraus spricht auch Paulus und gibt dieser Gegenwart einen Namen: Barmherzigkeit.

Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes.

Wie klingt die Stimme der „Barmherzigkeit“? Das Wort, das Paulus an dieser Stelle verwendet, das griechische Wort bedeutet: „Bejammern, Beklagen, Bedauern des Unglücks oder Tods eines Menschen, im übertragenen Sinne dann Mitleid, Erbarmen“ Gott klagt, wehklagt, klagt mit dem Menschen. Es ist die Stimme des Weinens, die Empfindung der Tränen, ein tief empfundenes, auch erlittenes Mitgehen, Mitdabeisein mit dem, dem nur noch der Schmerz bleibt, der laute oder der leise, langsam schon verstummende Schmerz. Das ist Gottes mit uns Menschen mitgehende Stimme. Eine Stimme echter Solidarität.

Noch hinter dem, was Paulus sagen will, steht das hebräische Rachamim. Ein Wort, das in der Bibel gibt, wo von Barmherzigkeit die Rede ist, das es so auch im Arabischen gibt, um von Gott zu reden. Denn Barmherzigkeit ist die zentrale Eigenschaft Allahs. Rachamim, herkommend vom Wort für die Gebärmutter, benennt eine mütterliche, tröstende, segnende Kraft, es ist die einzigartige Kraft der Liebe, der Fürsorge, dieses Wunder der emotionalen Intelligenz. Die Frau, die unter Schmerzen gebiert, freut sich des Lebens, das ihr anvertraut ist. So ist Gott. Die innerste Mitte der Barmherzigkeit ist nicht endende Freude am Leben.[1]

Im Mittelpunkt des Fensters sehen wir ein Lamm. Das ist der Ausdruck des Mitleidens Gottes und es führt zugleich darüber hinaus: Es steht für den Christus, der das Leiden annimmt und überwindet. Das Kreuz ist leer. Das leere Kreuz protestiert gegen den Tod. Denn bloßes Mitleid reicht nicht. Das Opferlamm trägt die Fahne des Sieges über den Tod. Das ist das Heil. Darin wird die Welt geheilt.

Neben dem Lamm finden wir wiederum wie auf dem Altartuch das A und das O. Jetzt ist die Aussage vollständig. Schon im Moment der Inkarnation – so sagte Messiaen in der Auslegung seines Musikstückes „Jesus nimmt das Leiden an“, schon im Moment der Menschwerdung, „in diesem feierlichen Augenblick nimmt er das Kreuz und alle Leiden seines Lebens und seiner Passion auf sich. Hinter dem Engel der Verkündigung steht schon das Kreuz.“ Von Anbeginn der Welt an bis zu ihrem Ende.

Die Engel auf dem Altartuch kommen nicht mit leeren Händen. Sie tragen Kelch und Patene mit Brot. Blut und Leib, Leben Christi für uns gegeben. Sie kommen vom Kreuz her. Es gibt mittelalterliche Kreuzesdarstellungen, in denen Engel das Blut aus den Kreuzeswunden Christi in Kelchen auffangen, um sie zum Abendmahl zu tragen, damit wir es in uns aufnehmen, dieses Leben.

Und auch dieses Geschehen ist noch einmal im Fenster gespiegelt. Auf dem Alpha sehen wir – vielleicht erst jetzt – eine Schale, und in das Omega ist nicht nur ein Kreuz, sondern ein Kelch eingelassen.

Die Gemeinschaft der sich um Christus versammelnden Gemeinde ist ein wichtiges Thema des Altarfensters. Wieder und wieder finden wir in den einzelnen Quadraten, in die das Fenster gegliedert ist, ein großes Kreuz umgeben von 12 kleinen, die sich um Christus versammelnde Gemeinschaft der Jünger. Wieder und wieder in jeder Feier des Mahls. Es sind so viele Kreuze wie Menschen in den Bänken der Kirche Platz finden.

Im Abendmahl so war die Hoffnung entsteht jenseits der Worte ein versöhnender Raum der Gemeinschaft. In dieser Gemeinde, die wie kaum eine andere in Westfalen vom Kirchenkampf zerrissen war, war das scheinbar eine Notwendigkeit, um wieder zusammenfinden zu können nach allem, was geschehen war. Bedarf es solcher die Aufarbeitung der Vergangenheit überspringender Versöhnung, solcher vorwegnehmender, real erfahrbarer Gesten? Oder wird damit die Frage der Wahrheit, die Frage nach Schuld und Versagen überkleistert. Dies Presbyteriumsprotokollbücher jener Jahre sind verschwunden – einfach beseitigt. Der Mantel des Schweigens sollte das Unrecht verhüllen.

Verhindert die Flucht in die Objektivität des Heils die Aufarbeitung dessen, was geschehen ist? Macht es in der Tiefe die Suche nach Klärung, Wahrheit und Gerechtigkeit unmöglich?

Paulus geht im Römerbrief einen anderen Weg. Er ruft uns alle in den Nachfolge Christi. In die Nachfolge des Opfers.

…dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei.

Für Opfer verwendet Paulus hier den Fachbegriff für das Schlachtopfer, das, so heißt es hier, aufgestellt wird wie das Lamm im Fenster über dem Altar. Aber die traditionelle Opfervorstellung wird hier gebrochen. Klar, dass es sich dabei ursprünglich um ein Lebend-Opfer handelt. Es muss unversehrt sein, sonst ist es wertlos, dachte man. Nichts wert auch für die Opferindustrie des Tempels. Aber der Liebhaber des Lebens erwartet nicht den Tod des Opfers, sondern die Hingabe des Lebens.

…dass ihr euren Leib aufstellt – hingebt – als ein Opfer.

Was „Hingabe“ bedeutet, möchte ich mit einem arabischen Wort erläutern. Hingabe, so sagt man, bedeutet das Wort „Islam“, es bedeutet, ganz so wie Paulus sagt, sich vollständig an Gott weggeben, sich sozusagen selbst im Stich lassen. Verbunden wird mit diesem Verbum – sich hingeben – oft als Objekt: „das Gesicht“. Der Mensch übergibt sein Gesicht, der Mensch übergibt sich selbst Gott. Verbunden ist dies im Islam mit der Gebetsgeste der Verbeugung. Das Gesicht wird dabei zum Boden, in den Staub des Lebens geführt. Keine 12 Stufen zum Altar. Ein Geste totaler Unterwerfung, eine Geste der Freiheit, denn nicht irgendeinem Menschen unterwirft sich der so Betende in fünfmal täglicher Erinnerung, sondern Gott. Nur Gott. Wer sich Gott hingibt, ist frei.

„Christus sagt zu seinem Vater beim Eintritt in die Welt: Brandopfer und Opfergaben hast du nicht genommen, den Leib aber hast du mir gegeben. Da bin ich“. (Hebr. 10, 5-7)

„Hier bin ich“ – Das erwartet Paulus auch von uns.

Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.

In der Hingabe an Gott ist der Mensch frei.

Amen.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Anmerkung:
Seit Mitte der 50er Jahre waren die sogenannten Mannewitz-Antependien in der Bochumer Pertrikirche bei unterschiedlichen Anlässen: aufgrund ihrer weißen Farbe vornehmlich zu Ostern, Weihnachten aber wohl auch zu Erntedank in Gebrauch. Das Thema des Altartuchs ist unabhängig vom Kirchenjahr die Gegenwart Christi im Abendmahl. Die beiden Kanzelantependien sind datierbar: 1953 und 1955, das Altartuch leider bisher nicht. Die Antependien sind eng mit der Geschichte der Petrikirche verbunden. Hier wurden sie bis zur gegenwärtig andauernden Schließung der Kirche 2015 benutzt.

1956, so wird berichtet, war der Umbau der Petrikirchen von einer Predigtkirche zur Wegkirche abgeschlossen. Man hatte nach dem Vorbild der Melanchthonkirche anstelle von Kanzelaltar und Orgelempore einen Chorraum mit zentralem Altar geschaffen. In diesem Zusammenhang wurde das Vaterunserfenster von Willy Heyer aus dem Westteil der Kirche neuen Altarraum im Oster verbracht. Zu diesem Zweck musste, wie an der Außenfassade bis heute sichtbar, die östliche Chorwand aufgebrochen werden. Wie in der Melanchthonkirche war der Altar nun auch in der Petrikirche in den Mittelpunkt und die Kanzel sogar etwas niedriger an die Seite gerückt. Altar und Kanzel wurden mit Elementen der Holzbrüstung der abgerissenen Orgelempore geschmückt. Möglich, dass zu diesem Zeitpunkt, die Antependien angeschafft wurden.

Möglich aber auch, dass sie aus der Melanhthonkirche stammen und der Petrikirche anlässlich der Einweihung des neuen Altarraums übergeben wurden.

Die Melanchthonkirche war – bereits im Zuge ihres Wiederaufbaus 1948-50 – vom Kuppelbau zu einer Wegkirche mit Kassettendecke und flankierenden Säulen aufgebaut worden. Die Korrespondenzen des Mannewitz-Altar-Antependiums zum architektonischen Konzept der wiederaufgebauten Kirche, zum Holzkreuz hinter dem Altar und zum 1950 von Willy Heyer geschaffenen Altarfenster sind überraschend stimmig. Man wird sogar so weit gehen können, dass die einzelnen Elemente der Kirche, durch die Bildsprache des Paraments gebündelt, in eine schlüssige Beziehung treten. Dies habe ich in meiner Predigt zu zeigen versucht.

Leider lässt sich gegenwärtig nicht mehr präzise rekonstruieren, welchen Weg die Paramente in den 50er Jahren gegangen sind, bevor sie in die Petrikirche kamen. Möglicherweise gibt ein Blick in die Protokollbücher Auskunft.

Falls es stimmen sollte, dass die Antependien ihren Weg über die Melanchthonkirche in die Petrikirche nahmen, wäre das Mannewitz-Antependium ein Dokument der engen Verbundenheit beider Kirchen.

Ergänzend und weiterführend vergleichen Sie bitte den Artikel „Die Antependien der Textilkünstlerin Margot Mannewitz aus der Petrikirche“ von Gertrud Wegner im aktuellen Gemeindebrief September-November 2019.

Bitte melden Sie sich, wenn Sie weitere Informationen über die Paramente haben: roettger-bochum@arcor.de


[1] Vergleiche zu dieser Passage die Predigt zu Lk 6,36 vom 05.07.2009
von Dieter Koch http://www.theologie.uzh.ch/predigten/predigt.php?id=1744&kennung=20090705de