Wege einer Partnerschaft – Teil 1

Aus der Gemeinde

30.08.2021

Die Partnerschaft im zweigeteilten Deutschland

Im Jahre 1983 erreichte das Presbyterium der Petrigemeinde über Pfarrer Kanstein von der Melanchthon-Gemeinde ein Hilferuf aus Miersdorf (Teil der politischen Gemeinde Zeuthen). Der Durchlauferhitzer im Badezimmer des Pfarrhauses in der Oldenburger Straße in Zeuthen war defekt und nicht mehr zu reparieren. – Unser Presbyterium half unbürokratisch. Einige Zeit später benötigte der Pfarrer für seinen Dienstwagen (Wartburg) neue Reifen – auch diesem Wunsch wurde entsprochen. Gleichzeitig sollten die Kontakte zu der Gemeinde in Miersdorf aufgebaut werden.

In der letzten Presbyteriumssitzung des Jahres 1984, in der wir einen Rückblick hielten, mussten wir feststellen, dass von unserer Seite im Hinblick auf eine etwaige Patenschaft nichts geschehen war. Ich erhielt den Auftrag, mich um die Aufnahme von Kontakten zu bemühen. Mitte Mai 1985 fuhren Pfr. Grabski und ich für ein Wochenende nach West-Berlin. Wir hatten verabredet, dass wir uns in Ost-Berlin mit einer Gruppe aus Zeuthen treffen würden. Das geschah auch. Nach einer kleinen Besichtigungstour durch Ost-Berlin fuhren wir dann mit der S-Bahn in Richtung Pankow. In einem evangelischen Gemeindehaus irgendwo im Nordosten Berlins hatten wir einen mehrstündigen Gedankenaustausch.

Ich erklärte für unsere Gemeinde, dass es uns darum ginge, sichtbar zu machen, dass wir die Menschen im Osten nicht vergessen hätten. Herr Schur von der Miersdorfer Gemeinde sagte: „Und Sie sollen wissen, dass es hier im Osten noch Christen gibt.“ 

Im Übrigen war viel von der Schlussakte von Helsinki, von der Kirche im Sozialismus, aber auch von den Schwierigkeiten der Christen in der DDR die Rede. Wir kamen überein, die Kontakte fortzusetzen. Es war schon sehr früh von Partnerschaft die Rede.

Einen förmlichen Partnerschaftsvertrag setzten wir nicht auf. Das geschah ganz bewusst, denn unausgesprochen war die Staatssicherheit irgendwie anwesend. Niemand sollte in Schwierigkeiten gebracht werden. Es sollten aber auch keine unerfüllbaren Postulate aufgestellt werden. Konkret wurde vereinbart, dass eine Gruppe aus unserer Gemeinde zu einem Besuch nach Zeuthen kommen sollte. Vergleichbare Besuche in der Gegenrichtung waren damals nicht möglich.

Ende April 1986 – es war einige Tage nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl – fuhr eine Gruppe von 10 Gemeindegliedern nach Zeuthen. Pfarrer Petzold (Autor des Liedes Nr. 534 des Evangelischen Gesangbuchs) äußerte kurz nach unserer Ankunft im Pfarrhaus sein Unverständnis darüber, dass in der westlichen Presse „jenes Ereignis“ in der Sowjetunion übertrieben dargestellt würde … 

Im Übrigen verlebten wir dort ein sehr harmonisches Wochenende mit der dortigen Gemeinde. Im Vordergrund standen vor allem Einzelgespräche, in denen es um die Lage der Menschen in der DDR ging. Die Andacht in der Kirche in Kiekebusch (dieser Teil gehört nicht mehr zu unserer Partnergemeinde) und der Gottesdienst in Miersdorf waren sehr gut besucht.

1987 waren 17 Gemeindeglieder in Miersdorf zu Besuch. Als die Leiterin des Kindergartens am Kühneplatz bei ihrer Vorstellung sagte, dass sie in Hattingen wohnte, ging ein leiser Aufschrei durch die Versammlung, denn die Presse der DDR beschäftigte sich in jenen Tagen vornehmlich mit der Schließung der Hernrichshütte in Hattingen …  

Auch an diesem Wochenende nahmen die persönlichen Gespräche einen sehr breiten Raum ein. Eine kleine Begebenheit von der Heimfahrt: Ein Teil der Reisegruppe war mit der Bahn gekommen. Die Reiseformalitäten waren recht umständlich, denn jeder Gast aus dem Westen brauchte eine Einladung des Gastgebers aus dem Osten. Frau Hillemann, die langjährige Leiterin der Frauenhilfe unserer Gemeinde, wurde bei der Ausreise am Kontrollpunkt Friedrichstraße in Berlin von einem jungen Grenzbeamten u.a. nach dem Geburtsdatum ihres Gastgebers gefragt. Das wusste sie nicht. Sie antwortete dem Beamten, der – wie sie mir erzählte – vom Alter her hätte ihr Sohn sein können: „Das müsste doch in Ihren Unterlagen stehen …“ 

Man kann es sich heute gar nicht mehr vorstellen, dass im Jahre 1987 eine solche Antwort durchaus zu erheblichen Schwierigkeiten beim Grenzübertritt hätte führen können. Es ging aber gut ab.

Um den 17. Juni 1988 – damals in der alten Bundesrepublik der Tag der deutschen Einheit – fuhren aus unserer Gemeinde etwa 30 Gemeindeglieder (einschließlich einer Reihe von Kindern) nach Zeuthen. Alle konnten in Privatquartieren untergebracht werden. Hotels oder sonstige Übernachtungsmöglichkeiten gab es im Übrigen noch nicht. 1988 war für unsere Partnergemeinde ein schwieriges Jahr. Es gab Unstimmigkeiten mit Pfarrer Petzold, der dem Presbyterium unserer Gemeinde Ende Mai oder Anfang Juni 1988 mitteilte, dass in der gegenwärtigen Gemeindesituation unser Besuch unangebracht wäre. Wir nahmen kurzfristig mit dem Gemeindekirchenrat in Miersdorf Verbindung auf, der uns ausdrücklich einlud. Aus Anlass unseres Besuchs wurde ein Gemeindefest gefeiert. Den Gottesdienst hielt Pfarrer Grabski. Im Schaukasten der Gemeinde in Miersdorf war – wie auch in den Vorjahren – kein Hinweis auf unseren Besuch. Es war nur in großen Buchstaben das Wort „Partnertreffen“ zu lesen. Die Besichtigung des Schlosses von Sanssouci in Potsdam, wo wir zufällig Pfarrer Kanstein trafen, rundete unseren Aufenthalt ab.

Im Sommer 1989 organisierte der damals noch bestehende Kreis „Junger Erwachsener“ aus unserer Gemeinde mit der „Jungen Gemeinde“ in Miersdorf eine Freizeit in Ungarn. Daran nahmen mehr als 20 junge Christinnen und Christen aus beiden Gemeinden teil, wobei etwa die Hälfte aus dem Westen und die andere Hälfte aus dem Osten anreiste. Die Veranstaltung war ein großer Erfolg. Niemand nutzte die Freizeit in Ungarn zu einer Flucht in den Westen. In den Folgejahren kam es mindestens noch zu einer weiteren Begegnung mit der „Jungen Gemeinde“, die ohne Mithilfe des Presbyteriums organisiert wurde. Auch haben nach meiner Erinnerung ohne Zutun des Presbyteriums weitere Kontakte z.B. des Posaunenchores stattgefunden.

Ende April1990 waren etwa 20 aus unserer Gemeinde nach Miersdorf gekommen. Bei dieser Gelegenheit haben sich einige von uns als „Mauerspechte“ betätigt, denn in der Nähe des Reichstages in Berlin waren Mauerplatten aufgestapelt worden. Wir konnten die Demontage der Mauer am Brandenburger Tor leider nicht mit erleben, weil die dafür eingesetzten Baumaschinen zu schwach waren … – Kurz nach der Wiedervereinigung im Oktober 1990 kam erstmalig eine Delegation aus Miersdorf zu uns.

Es folgt Teil 2:
Die Partnerschaft von der Wiedervereinigung bis heute

Eckhard Knoblauch