Karfreitag 2020

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09.04.2020

Mit seinem Freund bleibt er stehen, zeigt nach oben, fasst sich ein Herz und fragt: „Was bedeutet das …und die farbigen Zacken?“

„Was siehst Du?“ frage ich zurück.

„Ein Kreuz“ antwortet er. Sein Freund ergänzt: „Mehrere Kreuze.“

Ich gehe mit den beiden Schülern um den Altar im Baumhofzentrum herum. Sie entdecken die Farben und Formen auf Rückseite des Kreuzes. Dann müssen sie los, zurück in die Schule. Gleich klingelt es zur zweiten Stunde.

Das breite, schwere Holzkreuz wurde von dem Bochumer Künstler Hans-Jürgen Schlieker (1924-2004) geschaffen. Es weist auf die Passionsgeschichte im Lukasevangelium hin.

„Es wurden aber auch andere hingeführt, zwei Übeltäter, dass sie mit ihm hingerichtet würden. Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken.“ Lukas 23, 32f
Golgatha, ein Hügel, der wie ein Schädel geformt gewesen sein soll. Dort werden die Todeskandidaten zur Schau gestellt, hingegeben an Häme und Spott. Es ist ein Ort, dessen Grausamkeit erschrickt So ist es nachzuspüren in vielen Darstellungen christlicher Kunst.
„…und die farbigen Zacken“ fragt ein Schulkind.

Im Lukasevangelium ist über die Sterbestunde Jesu zu lesen: „Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei.“ (Lukas 23, 45)
Ich sehe in den ‚farbigen‘ Zacken die Fetzen des zerrissenen Vorhangs. Das Leid in der Welt wird zum Leiden Gottes. Ich sehe den Glanz Gottes über dem Leiden der Welt. Ich höre auf, schwarz weiß zu sehen und zu denken. Unter dem Glanz Gottes über dem Leiden treten die Farben des Lebens hervor.

Hans-Jürgen Schlieker war ein bedeutender Maler der informellen Kunst.

Wenn wir wieder Schulottesdienste feiern können, werde ich den Kindern davon erzählen.

Karfreitag 2020, Ihre Ellen Strathmann-von Soosten