Fingerhutkirche

Gottesdienste

01.03.2021

Die Kirche ist leer. Niemand kommt mehr.
Leere überall…. 

Das Frühjahr 2020 und auch jetzt der Winter 2021 sind nicht nur eine gesellschaftliche, sondern auch eine spirituelle Krise, eine Krise allerdings, die sich schon lange angebahnt hat und mit einem Ende der Pandemie nicht zu Ende ist. Doch Krisen können der Motor für neue Ideen und Wege sein. Im Optimalfall. Ob diese neuen Ideen und Wege auf Dauer Früchte tragen, kann man vorher nie sagen. Aber ausprobieren sollte man sie. Wenn nicht in der Krise, wann dann? So haben wir im Frühjahr 2020 angefangen, ein digitales Format zu entwickeln und auszuprobieren. Ein Format, das sich an den Möglichkeiten der Internetwelt orientiert. Ein vorsichtiger Antwortversuch, ein Tasten. Ein Format, bei dem sich Menschen von Wohnzimmer zu Wohnzimmer begegnen, in Baustellen musizieren, wo Kinder einer Grundschule davon berichten, wie sie Weihnachten feiern und Gemeindemitglieder reflektieren, wie es ihnen in dieser Coronazeit geht. Ein Format, das aus dem leeren Kirchraum heraustritt und sich in der Nachbarschaft des Stadtteils bewegt und gleichzeitig weltweit angeschaut werden kann. – Wir wissen von Zuschauerinnen in den USA, in der Türkei, in Korea, in Malawi und natürlich in den Wohnzimmern im Stadtteil. Kirche ambulant sozusagen. Verbundenheit weltweit und lokal gestalten und erfahrbar machen. Das ist das Ziel. Digitalität ist grenzüberschreitend. Grenzüberschreitend zu denken und zu handeln ist die Herausforderung unserer Zeit. In diesem Sinne ist unser kleines Experiment alles andere als eine Spielerei. 

Ein Format, dessen oberstes Ziel gerade nicht Perfektion, sondern die Offenheit eines gemeinsamen Lernprozesses ist. Ein Format, dass keine gottesdienstliche Hochglanzbroschüre sein will, sondern bewusst Mitgliedern der Gemeinde oder der Gemeinde verbundenen Gruppen ermöglichen will, miteinander und mit den eigenen Mitteln untereinander in einen religiösen Dialog zu treten. Voneinander zu hören und zu erfahren. Ein offenes Format, an dem sich jede/r, unterstützt vom Presbyterium und den Pfarrern der Gemeinde, beteiligen kann. Ein Format des Widerstandes gegen die spirituelle Corona-Trostlosigkeit. In einer Situation scheinbarer Auswegslosigkeiten, neue Möglichkeiten entdecken und sichtbar und hörbar verwirklichen.  Ein Format, dass Gott einen Ort geben kann, auch wenn die Gotteshäuser geschlossen sind, weil Menschen sich in ihre Herzen schauen lassen. Ein Format, was der Vielseitigkeit und der Kreativität der Gemeinde einen Ort geben will. Ein Ort der Begegnung, ein Experimentierfeld, ein Lernort.

Die Herausforderung des digitalen Formats ist Kürze und Konzentration. Genau darauf spielt der Name unsers Formats an:  Ein bisschen frech, die Liebe zum Kleinen, zum Übersehenen suchen. „Fingerhutkirche“. Ein Fingerhut ist nicht groß. Aber er lässt sich füllen. Er lehrt uns, mit Wenigem zufrieden zu sein und ist darin vielleicht gar ein Ausdruck der Bescheidenheit Gottes, der sich ins Kleine begibt und das Große links liegen lässt. Das ist ja auch eine Entdeckung unserer Tage, dass so vieles verzichtbar ist. „Small is beautiful“ – darin liegt die Zukunft unseres Planeten. Vermutlich. Der lateinische Name für den Fingerhut, für die Pflanze wohlgemerkt, ist „digitalis“ – die Fingerhutkirche ist also, wen wundert es, ein digitales Format. Eigentlich ist der Fingerhut giftig. Dementsprechend sehen manche in der Fingerhutkirche vielleicht auch eine Gefahr für bisherige Liturgien. Aber das ist nicht die Intention der Fingerhutkirche. Denn auf die Dosierung kommt es an: Gut dosiert, sind die Wirkstoffe des Fingerhutes richtig gut für das Herz. Und das ist das Ziel unseres Formates. Klein will der Fingerhut sein. Leichtigkeit in schwerer Zeit. Und ein bisschen Kirche passt eben hinein, in so einen Fingerhut. Und anderes hat daneben auch Platz. Erst dann wird aus dem Ganzen ein Garten. 

Wir wollen unseren Fingerhut auch in der Zeit nach der Coronakrise lebendig halten. Denn einmal gesät, ist er eine vieljährige Pflanze. Er soll dann eine Ergänzung zu bisherigen und klassischen Gottesdienst- und Kulturangeboten sein. Und vielleicht gelingt es uns ja, dass Menschen, die unsere Fingerhutkirche digital erlebt haben oder daran mitgewirkt haben, auch wieder Lust auf unsere klassischen gemeindlichen Angebote bekommen und unsere Gemeinschaft suchen. Damit unsere Kirche als Ort leiblich erfahrbarer Begegnung und lebendiger Vielfalt nicht leer ist und immer leerer, sondern vielleicht ja sogar ein bisschen voller als vor dem Lockdown wird. Vorher weiß man das ja nie. Aber auf einen Versuch käme es an. Und den haben wir gestartet. Denn lebendige Kirche kann überall sein, wenn man sie nur lässt

Niklas Kreppel und Martin Röttger

Sie finden die Fingerhutkirche bei youtube bzw. auf unser Gemeindehomepage.