FilmForum

Kultur

22.11.2021

Mittwochs, 19.00-21.45 Uhr
Melanchthon-Pfarrhaus • Königsallee 48, 44778 Bochum

Mütter und Söhne

Einführung, Film und Gespräch
Dr. Rudolf Tschirbs und Pfarrer Martin Röttger

Die Weltliteratur ist bevölkert von Mutter-Sohn-Beziehungen. Oft haftet ihnen etwas Kränkelndes an: Erziehungsmisserfolge, Entfremdungen. Eva mit Kain und Abel, Rebekka mit Jakob, Maria und Jesus, Iokaste und Ödipus, Klytemnästra und Orest, Herzeloyde mit Parzival. Im „Grünen Heinrich“ Gottfried Kellers schlug sich, literarisch gültig, eine weitere starke Mutter-Sohn-Bindung nieder.

Dagegen ist von Hegel der Satz überliefert: „Die Mutter ist der Genius des Kindes“. Explizit stellte das Goethe in „Dichtung und Wahrheit“ dar, Beethoven erinnerte sich einer warmen Mutter-Bindung. Die Sozialgeschichte gestattete sich ein humanwissenschaftliches Experiment: Anlässlich der größten europäischen Arbeitskatastrophe im März 1906 im nordfranzösischen Courriéres, bei dem 1.100 Bergleute zu Tode kamen, untersuchte ein Schweizer Psychiater das Trauerverhalten der zurückgebliebenen Ehefrauen und Mütter. Die Ehemänner waren nach Wochen vergessen, die Söhne wurden lebenslang beweint.

Grundsätzlich aber gilt: Weder in der Literatur- noch in der Filmgeschichte ist die Mutter-Sohn-Beziehung allzu häufig das Hauptstück, eignet sie sich doch allenfalls als Vorgeschichte des erwachsenen Helden-Epos. Es ist aber nicht zufällig, dass sich im Künstler-Drama der Heros der Mutter erinnert, von der gerade die musischen Impulse ausgehen mochten. Und wie soll die Rolle des erwachsenen Sohnes definiert werden, im lebensgeschichtlichen Versuchsraum, in dem die Ehe der Eltern zerbricht? Welche Last will da getragen sein, wenn das schon längst vom Ehegatten auf das heranwachsende Kind projizierte Liebes- und Zärtlichkeitsbestreben sich als Fessel erweist, den Sohn in ein schier auswegloses Dilemma treibt, in einem Kampf, dessen Ziel allein das Rechtbehalten scheint?

Erster Film:

Mittwoch, 16. Februar 2022, 19.00-21.45 Uhr
Pfarrhaus-Melanchthon
Königsallee 48, 44789 Bochum

Leid und Herrlichkeit (Dolor y gloria)
Regie: Pedro Almodovar
Spanien 2019, 114 min.
Mit: Penelope Cruz/Julieta Serrano, Antonio Banderas, Asier Etxeandia, Leonardo Sbaraglia
Musik: Alberto Iglesias
In dem Spätwerk des Exzentrikers Almodovar gehen zwei Erzählebenen kontinuierlich ineinander über. Die von der Mutter behütete Kindheit des Regisseurs Salvador Mallo mit ihren künstlerischen, auch homoerotischen Erweckungserlebnissen wechselt in die Altersperiode über, die von einem auch selbstironisch ausgespielten Gebrechen durchwirkt ist. Die Gestalten einer früheren Lebensphase brechen in dieses Leben ein und stellen die Frage nach der Beständigkeit des künstlerischen Genius.

Zweiter Film:

Mittwoch, 06. April 2022, 19.00-21.45 Uhr
Pfarrhaus-Melanchthon
Königsallee 48, 44789 Bochum 

Wer wir sind und wer wir waren 
(Hope Gap)
Regie: William Nicholson
GB 2019, 110 min.
Mit: Annette Bening, Bill Nighy, Josh O´Connor
Musik: Alex Heffes
Nach 29 Jahren Ehe zwischen Edward und Grace ist das Familienhaus zu einem Kerker der Gefühle geworden. Das Paar lebt nebeneinander her, Gefühlsausbrüche von Grace schlagen in Aggressivität um. Die Leidenschaften sind ausgelagert: Der Geschichtslehrer Edward macht die überlieferten Erinnerungen napoleonischer Offiziere beim Rückzug aus Moskau zum ethischen Gedankenexperiment für seine Schüler, während Grace die Edition eines Gedichtbandes vorbereitet. Edwards Rückzug aus der Ehe, die Flucht zu einer Geliebten, wird auf den Tag des Besuchs des erwachsenen Sohnes terminiert. Soll dieser die seelischen Bruchstücke aufsammeln?